Sonntag, 16. November 2008Die Religion ist das Opium des Volks„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ (Karl Marx in: Marx/Engels-Werke, Bd. 1, 378ff. (1839-1844)). Wer kennt ihn nicht, diesen Satz, der oft fälschlicherweise Lenin zugeschrieben wird? Ich hatte vor kurzem eine etwas intensivere Auseinandersetzung mit einigen Arbeitskollegen zum Thema „Warum Religion, warum Christentum in der römisch-katholischen Version, warum überhaupt Glaube an etwas Größeres?“ und musste dabei feststellen, dass es für mich aus mehreren Gründen schwierig war, diese Diskussion zu bestreiten. Denn zum einem stellte ich fest dass ich entweder über ein überdurchschnittliches Hintergrundwissen verfüge oder dass die anderen Diskussionsteilnehmer sich ein wertendes Urteil leisten, ohne die meisten (gar nicht mal alle) Fakten zu kennen. In der Diskussion fiel unter anderem auch der oben genannte Satz, und aufgrund jahrelangen Studiums sogar richtigerweise Marx zugeordnet. Was bedeutete es aber, wenn Marx von der Religion spricht und ihr zuweist, „Opium des Volkes“ sein? Als erstes fiel mir auf, dass er nicht schrieb, dass sie Opium für das Volk ist – dies ist sprachlich relevant. Als Opium für das Volk würde impliziert, dass irgendjemand die Droge Religion dem Volk verabreichen. Ich denke, dass Marx aus gutem Grund auf eine solche Formulierung verzichtete. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Volksfrömmigkeit und damit die Religiosität des Volkes weit ausgeprägter als heute in unserer aufgeklärten, wissenschaftlichen und demokratischen Gesellschaft. Marx muss bewusst gewesen sein, dass sich die Menschen nicht von jemand unter Drogen setzen ließ, sondern der Glaube aus dem Inneren stammte. Sozusagen ein selbstinduzierter Drogenrausch. Natürlich können wir nicht unsere Maßstäbe 1:1 auf das 19. Jahrhundert übertragen, dies würde aus mehreren Gründen scheitern – wissenschaftlicher Erkenntnisstand, soziale Entwicklung, Wissen um die historischen Folgen der Fehler des 19. Jahrhunderts und so weiter. Von daher ist das Marx-Zitat in einer Diskussion über Religion in unserer Zeit nettes Gimmick, der Beweis, dass man mal davon gehört hat, mehr aber auch nicht. In den Zeiten der Opiumkriege, in der es vornehmlich um das Recht ging, welcher Staat mit dem Drogenhandel richtig Kasse machen darf (China oder Großbritannien), ist die Parallelität des Gleichnisses Drogen und Religion natürlich nicht abwegig, hatten sich die großen Veränderungsprozesse der katholischen Kirche nicht einmal ansatzweise abgezeichnet. Politisch-historisch gesehen lagen die großen Katastrophen noch vor der Menschheit – der amerikanische Bürgerkrieg, der Krimkrieg, die Weltkriege I und II, der Kalte Krieg, die Genozide an Chinesen und amerikanischen Ureinwohner, Armeniern und Äthiopiern, Sinti und Roma, der Wandel des religiösen Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus und damit linear verbunden der Holocaust… Ohne jetzt in einer Religionskritik versinken zu wollen, habe ich dennoch ein paar Aussagen zum römischen Katholizismus zu treffen, wie er sich selbst in einem beachtlichen Kraftakt auf dem II. Vaticanum (1962-65) in wesentlichen Teilen neu gefasst hat. Dabei darf nicht vergessen werde, unter welchem theologisch-religiösem Hintergrund dieser Kraftakt erfolgte. Die römisch-katholische Kirche meint sich im Besitz der absoluten Wahrheit über Gott und die Welt (wie übrigens jede andere Religion auch). Damit ist es schwierig, eine einmal als wahr erkannte Tatsache zu ändern. Wie schwer sich die Kirche damit tut, kann man Dogma der flachen Erde gut erkennen. In der Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft griff die Kirche in die Kiste der Dogmen und stellte eben fest, dass die Erde flach sei, eine Scheibe im Zentrum des Universums… Es gibt Gerüchte, dass Johannis Paul II. nur deswegen so oft gereist und geflogen ist, um das zu prüfen. Dafür spricht auch seine sinngemäße Aussage, dass die unterschiedlichen Arten, wie Wissenschaft und Theologie die Welt erklären, zwei Aspekte einer Sache sind. Ein bisschen flach ist die Erde schon, wenn sie auch im Großen und Ganzen nicht rund, sondern geoid ist. Unentschieden also. Die römisch-katholische Kirche ist in ihren politischen und wissenschaftlichen Ansichten so oft vom Zug der Zeit überholt und fast überfahren worden, dass sie von der Zugluft mindestens eine Lungenentzündung bekommen hat. Immer, wenn die Kirche den Pfad ihrer eigentlichen Aufgabe verlassen hat, machte sie sich angreifbar und zeigte ihre dämonische Fratze. Keine Sünde ist den Menschen in der Kirche fremd. Machthunger, Krieg, Gier, Missbrauch, Mord, Terror, Raub, Diebstahl, Erpressung, Lüge, Betrug und so weiter. Man schlage nur in einem Geschichtsbuch nach. Und auch in diesem Punkten ist die römisch-katholische Kirche als letzte absolutistische Theokratie nicht besser, nicht schlechter, nicht anders als andere Kirchen und Religionen. Das alles ändert aber nichts an der grundlegenden Aufgabe der Kirche: Mittler der Menschen zu Gott zu sein, zu helfen, Trost zu spenden, Leid zu lindern… Das Problem sind – wie immer – die Menschen. Mir liegt es fern zu sagen: „Alles Einzeltäter, ändert an der Institution nichts“, im Gegenteil. Aber wenn wir den Blick von der Oberfläche abwenden und uns mit der tieferen Lehre beschäftigen, müssen wir feststellen, dass die Katholiken tatsächlich eine extrem progressive Einstellung transportieren. Wie vielleicht bekannt ist, kennt die röm.-kath. Kirche sieben Sakramente (Taufe, Eucharistie, Buße, Firmung, Ehe, Krankensalbung, Ordo [Priesteramt]). Das II. Vaticanum bekräftigte die allgemeine Lehre der Sakramente und betonte die Gültigkeitsprinzipien:
Nach gemeinsamer Lehre aller christlichen Kirchen ist die Taufe das „Grundsakrament“, das gegenseitig auch anerkannt wird. Immerhin wird man auf „Vater, Sohn und heiligen Geist“ getauft, und nicht auf den katholischen, evangelischen, methodistischen, anglikanischen, orthodoxen oder koptischen Gott. Selbst bei einer Konvertierung erfolgt keine Neutaufe, Ergänzungstaufe oder ähnliches. Wiedertäufer – da waren sich Protestanten und Katholiken im 30jährigen Krieg einig – gehören hart bestraft und hingerichtet. Wer spricht davon, dass es keinen Konsens gäbe? Sobald ein gemeinsamer Feind vorhanden ist… Wie dem auch sei – anders als die evangelischen Kirchen mit ihrem zwei bis drei, eher zwei Sakramenten (Taufe, Abendmahl und möglicherweise Buße, Luther hat sich nicht festgelegt) bietet die röm.-kath. Kirche mit den Sakramenten Eucharistie (in der besonderen Form der Erstkommunion) und Firmung zwei Möglichkeiten, sich aus der katholischen Kirche zurückzuziehen. Fairerweise sei gesagt, dass die Erstkommunion normalerweise im Alter von 9 bis 11 Jahren stattfindet. Ob man hier eine fundierte Aussage bekommen kann, ob das Kind die Religionszugehörigkeit nun will oder nicht, ist eher fraglich. Ich glaube es nicht. Im Regelfall ist das Kind nicht in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen. Erstkommunion, weil die Familie es will und es Geschenke gibt. Relevanter ist da schon das Sakrament der Firmung. Im Alter zwischen 14 und 16 erfolgt durch diesen rites des passage die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen. Hier ist eine grundlegende Entscheidung schon eher zu erwarten. Sicherlich sind auch Teenager opportunistisch und denken sich, um den Stress mit der Familie zu entgehen, und außerdem die Geschenke… mach ich es halt. Aber es gibt die prinzipielle Form des Ausstiegs ohne das als innere Immigration zu tarnen. Wenn man nun bedenkt, dass die Sakramentenlehre seit dem Konzil von Niceä 325 nur unwesentlich angepasst wurde, muss man ob dieser individuellen Entscheidungsmöglichkeit seit dieser Zeit anerkennend die Augenbrauen heben. Aber – sonst wäre die Kirche nicht Kirche – eine Ablehnung des Sakramentes zu einem Zeitpunkt verhindert nicht die Rückkehr in den Schoß der Mutter Kirche. Da die Taufe der Seele des Menschen einen „character indelebelis“ (unveränderliches Prägemal, spitzzüngige Menschen sagen irreparable Delle) hinzufügt, ist ein endgültiger Ausstieg unmöglich. Es bleibe nur aus kirchlicher Sicht die permanente Sündhaftigkeit, für die es irgendwann die Quittung geben wird. Bemerkenswert an dieser Stelle ist die Konsequenz der röm.-kath. Kirche. Es gibt Regeln, die per se als verbindlich für alle Christen angesehen werden. Diese Regeln sind in der Diskussion, jedoch dauern diese Diskussion im Regelfall Jahrzehnte, unter Umständen Jahrhunderte oder finden nie ein Ende. Diese Regeln erfordern auch Konsequenzen der röm.-kath. Kirche, die nicht immer leicht zu verstehen oder zu ertragen sind. Nichtsdestotrotz ist es gerade in unserer schnelllebigen Zeit, in der prinzipiell alles in Frage steht und hinterfragt wird, in der Beliebigkeit als hohes Gut betrachtet wird, für viele Menschen ein attraktives Angebot. Die röm.-kath. Kirche bietet einen festen Wertekanon, genaue Regeln und eine Zukunftshoffnung. Natürlich ist mir bewusst, dass die Ansichten der Kirche genauso wie ihr Personal streitbar sind und immer wieder geprüft werden müssen. Aber ich erachte es als respektabel, dass eine Institution bereit ist, sich festzulegen und nicht jährlich Anpassungen vorzunehmen, die Monate später schon wieder überholt sind. Vielleicht erklärt das einen Teil des Hypes während des Weltjugendtages… Letztlich ist das aber alles akademisch. Denn die meisten Menschen kommen durch Familie und Umfeld zur Religion, möglicherweise auch zum Glauben. Wäre ich Buddhist, Hindu, Moslem oder Jude, würde der Text vermutlich eine andere Religion im Zentrum haben. Ich denke auch, dass es Gott ziemlich egal ist, in welcher Sprache ich zu ihm bete und ihm der Ritus gleich ist, in dem ich ihn verehre, solange ich die grundlegenden Prinzipien aller Religionen beachte: Achte Deine Mitmenschen, habe Mitgefühl und tu nichts, was Dein von Gott gegebener gesunder Menschenverstand als blöd erkennt. Zusammengefasst: In einer Diskussion über Religiosität und Glauben sollte man sich vorschnellen Werturteilen enthalten, wenn man die die Sachkenntnis besitzt, diese zu begründen. Eine tiefere Beschäftigung lässt manches Vorurteil bröckeln. Es gibt keine guten, schlechten oder besseren Religionen. Jede hat ihre Macken, genau wie wir. Wir sind Kinder unserer Zeit und unserer Umwelt. Ob wir wirklich glauben, lässt sich nicht mit einem Religions-o-meter messen, dass kann nur jeder für sich selbst wissen. So möchte ich mit Alan Shepards Gebet schließen – kurz, treffend und allumfassend: „Oh Herr, lass mich keinen Scheiß bauen.“ Scipio Trackbacks
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Ich finde eigentlich den Begriff 'Opium fürs Volk' nicht so verkehrt, wenn man sich die Entstehungsgeschichten der Religionen anschaut. In der Tat wirkte Religion wie ein 'seelisches Schmerzmittel' welches aber in falscher Dosierung angewandt brutale Nebenwirkungen mit sich brachte.
Daneben war die institutionalisierte Religion ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und darüber hinaus ein wirksames Machtinstrument. Bei den alten Griechen war es das Orakel von Delphi, dass die ganze Kolonialpolitik durch mehr oder minder klare Weissagungen dirigierte. Und auch später, im Prinzip bis Hobbes und Pufendorf, war Religion der einzig legitime Quell von politischer Macht. Aber auch danach gab es noch kronloyale Denker, die unerschütterlich der Auffassung waren, die königliche Macht sei direkt von Gott, via Adam auf den König verebt worden. Und selbst mit der Aufklärung und der klaren Trennung von Staat und Kirche blieben und bleiben die religiösen Institutionen selbst in Europa gewaltige Machtfaktoren. Die heutige Weltordnung basiert aber auf einem difusen Gleichgewicht der Mächte. Egal ob inter- oder intranational jede Fraktion, jede Partei, ja jeder Mensch muss kooperieren, will er etwas zu stande bringen und keiner kann alleine Herrschen. Das ist auch gut so, denn nur so können die unveräusserbaren Bürgerrechte und der Frieden langfristig garantiert werden. Die organisierten Religionen scheinen aber indess ausserhalb dieses Machtgefüges zu stehen. Sie können alleine Dinge entscheiden, die weitreichende Konsequenzen für alle Menschen haben, ohne dass sie Konsequenzen irgendwelcher Art fürchten müssten. Und genau das kann längerfristig wirklich zu einer Bedrohung werden. Besonders schlimm ist hier eigentlich auch der Katholizismus. Durch seine sehr zentralistische Struktur, mit dem Pontifex Maximus mit unfehlbarkeitsanspruch an der Spitze, gibt es nicht einmal interne Faktoren, die sie daran hindern könnten, ihre ganze Machtfülle auszunutzen. So kann der Papst heute sagen, dass Kondome böse sind und dadurch die HIV-Infektionen in Afrika in den nächsten Jahren verzehnfachen. Damit tötet er zwar mehr Menschen auf eine weit grausamere Weise, als er es mit einer Atombombe je gekonnt hätte, muss aber trotzdem nicht fürchten, morgen nicht mehr Papst zu sein, oder gar irgendwann in Den Haag dafür vor Gericht gezerrt zu werden. Nein, er wird dadurch nicht einmal unbeliebt, er ist halt der Papst, er darf das. Wie gesagt, diese Kritik richtig sich vorallem gegen organisierte Religionen und nicht gegen Glauben generell. Ich glaube nämlich nicht, dass irgend ein Mensch ohne Glauben auskommt. Selbst ein Atheist muss an irgendetwas glauben und wenn es nur an die Naturwissenschaften und die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist.
Der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes ist ein Konstrukt des I. Vaticanums (1871) und beschränkt sich auf Lehrfragen. Er ist per Dogma festgeschrieben, so wie die flache Erde. Das Blöde an einen Dogma ist nun, dass es nicht aufgehoben werden kann.
Die "Kondom-Problematik" ist aber auch nur die eine Seite der Medaille. Wenn denn mit dem Verweis auf die Autorität des Papstes auf Kondome verzichtet wird, müsste ja auch da Gebot "kein Sex vor der Ehe und in der Ehe nur mit dem Ehepartner" ebenso Gültigkeit haben. Es ist irgendwie auch scheinheilig, Teil A der Sexualmoral anzuerkennen, Teil B aber geflissentlich zu ignorieren. Ich mag mir diese Sexualmoral der katholischen Kirche nicht zu eigen machen, im Gegenteil, da urteilen (angeblich) Blinde über die Farbe... Für den alten Herrn in Rom gibt das sicherlich Sinn - wer keinen Sex hat, braucht auch keine Kondome, wer Sex hat, "betreibt" den mit dem Ehepartner zum Zwecke der Fortpflanzung und braucht keine Kondome. In sich ist dem die Logik nicht abzusprechen, aber... Aber worin besteht denn nun genau die Macht des Papstes? Stalin fragte mal, wieviele Divisionen der Papst hat, und Georg W. hat trotz Papstkritik den Irak geplättet.
Das mit der Sexualmoral ist nicht scheinheillig, das ist einfach nur Menschlich. Am morgen denkt man noch, man will eh nicht sündigen, aber am Abend denkt man irgendwann: Was solls, für irgendetwas gibt es ja die Beichte. Aber das muss ich dir nicht erzählen. Die Argumentation ist etwa so, als würde man Sicherheitsgurte in Autos verbieten, weil sich ja alle an die Verkehrsregeln halten und es darum ja auch keine Unfälle gibt.
Macht ist schon lange nicht mehr nur auf militärische Macht beschränkt. Kontrolle über Informationsflüsse, Information selbst und natürlich das gute alte Bargeld sind die Machtmittel, die die heutige Welt aus den Angeln zu heben vermag. Und von allen drei Dingen hat der Papst nach wie vor reichlich. Selbst in jüngerer Geschichte war es für ihn ein leichtes zB. in Italien mehrere Gesetzesänderung in Sachen Scheidungs- und Abtreibungsrecht zu verhindern. |
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